Neue Räumlichkeiten: Interview mit unseren Dorfärzten

Seit Anfang März ist die Arztpraxis von Dr. med. Cornelia Moll und Dr. med. Giovanni Brogiolo im Deitinger Dorfzentrum angekommen. Im Gespräch mit Gemeindepräsident Bruno Eberhard erzählen die beiden Hausärzte, wie sie den Start erlebt haben, warum der Schritt notwendig war und welche Rolle die Hausarztmedizin auch in Zukunft für Deitingen spielen wird.
Anfang März seid ihr mit eurer Arztpraxis vom Mühleacker ins Dorfzentrum umgezogen. Wie war der Start am neuen Standort?
Cornelia Moll: Der Umzug war ziemlich anstrengend und wir kämpfen noch mit den letzten Details, die noch fertiggestellt werden müssen, aber sonst war der Start sehr gut. Wir sind überrascht, wie sehr die Bevölkerung die Praxis lobt und sich über den Umzug freut.
Giovanni Brogiolo: Überraschend gut! Die verschiedenen Schnittstellen (Praxis-Software, Labor, Internet, E-Mail) haben gleich zu Beginn einwandfrei funktioniert. Das war meine grösste Sorge. Freude bereiteten mir beim Start die hellen, lichtdurchfluteten Räumlichkeiten.
Was waren die Hauptgründe für den angestrebten Umzug ins Dorfzentrum?
Cornelia Moll: Ich habe 24 Jahre in der Praxis am Mühleacker gearbeitet und war dort sehr zufrieden. Mit den Jahren hat sich aber zunehmend bemerkbar gemacht, dass wir räumlich zu stark eingeengt waren: durch die Zunahme von Patientinnen und Patienten und durch die zunehmenden Tätigkeiten der MPAs (Blutentnahmen und Untersuchungen, Impfungen oder Infusionen) sind wir an Grenzen gestossen, die in der alten Praxis nicht überwindbar waren. Die Praxis entsprach nicht mehr den modernen Anforderungen und Standards einer Arztpraxis, z. B. Trennung Patienten- und Personalbereich oder genügend Abstand im Infektionsmanagement. Einmal traf die Situation ein, wo wir einen Patienten ins Wartezimmer schicken mussten, damit ein Notfall versorgt werden konnte.
Im Gespräch mit dir als Gemeindepräsidenten und mit der Dorfzentrum AG in der Person von Daniel Schreier entstand über längere Zeit hinweg das aktuelle Projekt. Dieses wurde von Beginn weg durch diese Personen und Institutionen unterstützt, was wir sehr geschätzt haben und wofür wir sehr dankbar sind.
Giovanni Brogiolo: Die alte Praxis Mühleacker war in die Jahre gekommen und hatte zu wenig Sprechstundenzimmer für zwei praktizierende Ärzte. Die Gemeinde Deitingen und die Dorfzentrum AG waren sehr daran interessiert, die Praxis ins Zentrum des Dorfes zu verlegen, um damit das Zentrum mit einem weiteren wichtigen Angebot, sprich einer Hausarzt-Praxis, zu erweitern und attraktiver zu machen.
Haben sich die Erwartungen des Praxisteams (Ärzte und medizinische Praxisassistentinnen) an die neue Praxis erfüllt?
Cornelia Moll: Auf jeden Fall und in jeder Hinsicht.
Giovanni Brogiolo: Ja, die Erwartungen wurden meinerseits, und ich denke seitens des ganzen Praxisteams mehr als erfüllt.
Was sind die grössten Veränderungen in der neuen Praxis?
Cornelia Moll: Die neue Praxis ist räumlich grösser und viel heller. Wir haben nun genügend Platz für die MPAs mit eigenem Labor, einem Notfall- und Untersuchungszimmer und angenehmen Pausenräumlichkeiten. Wir Ärzte haben doppelt so viele Sprechzimmer. Wir haben zukünftig Platz, um MPAs und Medizinstudierende auszubilden. So können wir die Nachwuchsförderung für Hausärzte und MPAs unterstützen.
Giovanni Brogiolo: Wichtige Veränderungen betreffen sicherlich den klimatisierten Raum für die Praxis-Apotheke sowie Klimageräte für den Empfang und das Wartezimmer, falls die Temperaturen im Sommer zu sehr ansteigen. Zudem schätze ich die Bewegungsfreiheit durch die grössere Praxis und den grossen Personalaufenthaltsraum. Der wichtigste Punkt ist jedoch sicherlich die grössere Anzahl an Sprechstundenzimmern.
Welche Anforderungen werden an eine moderne, zukunftsfähige Arztpraxis gestellt?
Giovanni Brogiolo: Eine möglichst hindernisfreie, rollstuhlgerechte Praxis ist bereits heute eine selbstverständliche Anforderung. Ich denke jedoch, dass die Arbeitsplatz-Attraktivität für zukünftige Ärztinnen und Ärzte durch grosse und helle Praxisräumlichkeiten und eine moderne Infrastruktur, wie wir sie jetzt realisieren konnten, von grosser Bedeutung ist.
Wie beurteilt ihr die Perspektive der Hausarztpraxen? Wie sieht die Praxisgemeinschaft Deitingen in 10–20 Jahren aus?
Cornelia Moll: Wir hoffen, dass es weiterhin Hausarztpraxen in genügender Zahl geben wird. Wir lieben unseren Beruf und können ihn den jungen Ärztinnen und Ärzten nur empfehlen. Ganze Familien über Jahre – von den Grosseltern bis zu den Grosskindern – zu betreuen, finde ich etwas Wunderbares. Auch die Abwechslung bei den Konsultationsgründen finde ich sehr spannend. Manchmal weiss ich beim nächsten Patienten nicht, ob er wegen Herz- oder Zehenschmerzen kommt. Hausärzte können sehr viele Patienten und Probleme kostengünstig und langfristig behandeln, es braucht nicht immer zwingend den Spezialisten.
Aufgrund der aktuellen Bautätigkeit in Deitingen wird der Bedarf an Hausärzten zunehmen. Wir sind jetzt schon nicht mehr in der Lage, alle Patientinnen und Patienten aufzunehmen, die sich bei uns melden. Wir hoffen, dass sich junge Ärztinnen oder Ärzte finden lassen, die mit uns und später dann ohne uns die Praxis weiterführen werden. Wir können Deitingen als attraktiven Arbeitsort, wo Hausärzte durch die Patienten, die Gemeinde und die Dorfzentrum AG unterstützt werden, nur weiterempfehlen.
Giovanni Brogiolo: Der Hausarzt-Mangel, vor allem in der Peripherie, ist bekannt und wird auch in den nächsten Jahren eine Herausforderung sein. Umso wichtiger ist die Attraktivitätssteigerung durch die neu entstandene Praxis. Durch die Grösse ist die Praxis für eine Praxisgemeinschaft von bis zu vier Ärzten erweiterbar. Aufgrund der guten regionalen Vernetzung von Frau Dr. Moll und mir bin ich zuversichtlich, Praxisnachfolger oder -nachfolgerinnen zu finden.
Sind auch Veränderungen im Patientenverhalten feststellbar? Ändern sich ihre Ansprüche?
Cornelia Moll: Die Patientinnen und Patienten sind besser informiert und wollen bei der Behandlung mitreden. Wir sind nicht mehr «Götter in Weiss», die befehlen, was zu tun ist. Wir müssen die Patienten informieren und mit ihnen vereinbaren, welchen Weg sie einschlagen wollen und sie dann auf diesem Weg begleiten.
Vereinzelt stellen wir eine Anspruchshaltung fest: Patienten wünschen Blutkontrollen oder Checks «für alles», was medizinisch keinen Sinn ergibt und nur unnötige Kosten verursacht. Sie fordern manchmal unnötige Röntgen- und MRI-Untersuchungen, was ihnen nur bedingt ausgeredet werden kann. Wir versuchen eine sinnvolle, evidenz basierte Medizin anzubieten. Probleme bereiten manchmal auch Terminwünsche, die wir nicht erfüllen können.
Gibt es sonst noch etwas, das ihr der Deitinger Bevölkerung sagen möchtet?
Cornelia Moll: Wir danken der Bevölkerung für die Unterstützung und fühlen uns in Deitingen sehr wohl. Es freut uns sehr, dass die Bevölkerung die Freude an der neuen Praxis mit uns teilt.
Giovanni Brogiolo: Ich möchte mich an dieser Stelle für das uns entgegengebrachte Vertrauen bei der Bevölkerung bedanken. Ebenso danke ich herzlich für die Unterstützung der Gemeinde und der Dorfzentrum AG für die Realisierung dieser neuen, zentral gelegenen Praxis.
Liebe Cornelia, lieber Giovanni, herzlichen Dank für das angenehme und interessante Gespräch.